Die Geschichte

Die Erinnerung an den Sommer konnte sie sich kaum noch ins Gedächtnis rufen. Zu lange war es schon her, dass sie Spaß und Freundschaft gespürt hatte. Von der Liebe ganz zu schweigen. Die Tage vergingen in einem grau in grau, nicht regte sich um sie und in ihr, sah man mal von den Kohlrouladen ab, die es heute zum Mittagessen gegeben hatte. 
Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl, ging schwerfällig zur Schublade ihrer Kommode und zog ihr verblichenes Tagebuch heraus. Ihre Augen blieben an einer Seite kleben, auf deren Rand sie einen Strandkorb gemalt hatte. "Das war auf Elba", flüsterte sie leise und eine einzelne Träne ran ihr über die Wange. "Lange her", schallt sie sich, " aus einer Zeit in der die Träume noch erlaubt waren.“ 
Sie blätterte weiter und ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihre Finger glitten zärtlich über das Foto eines Kindes das auf einem Bobby-Car sitzend in die Kamera lächelte. Regungslos blieb sie kerzengerade auf dem Stuhl sitzen und starrte, gefesselt von der Sehnsucht aus dem Fenster. Der Himmel, der vor wenigen Minuten noch in zartem blau gestrahlt hatte, wirkte nun bedrohlich und schwarz. Der Regen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das Geräusch eines harten Klopfens an ihre Tür ließ sie auffahren, zitternd erhob sie sich, warf ein geflüstertes "Ja" in den Raum und schlurfte dem Geräusch entgegen.
"Franka, mach auf, du musst zur Therapie!" 
Sie öffnete die Tür einen Spalt, sah hinaus auf den Flur und schluckte. Schwester Ilonka erinnerte sie so sehr an ihre Schwiegermutter, das sie jedes Mal zusammen fuhr, wenn sie sie erblickte.
   "Ich kann nicht mitkommen, ich fühle mich heute überhaupt nicht gut."
   "Das erzählst du schon seit 365 Tagen, und wenn du nicht mitarbeitest wird sich das niemals ändern. Wie sollen wir Deine Konfigurationsdatei in Ordnung bringen, wenn du dich ständig verweigerst?", fragte sie und stellte ein dämonisches Grinsen zur Schau. 
Franka gab wie an jedem Tag resigniert auf, schlupfte in ihren Morgenmantel und trottet mit gesenktem Haupt hinter Ilonka her.
Im grünen Raum saßen schon einige Patienten, hoben kurz den Kopf, als sie das Zimmer betrat und Schwatzten weiter miteinander. 
Wie Kinder verstummten sie schlagartig, als der Therapeut den Raum betrat. Der Mediziner setzte sich leger auf einen der freien Stühle, sah in die Runde und erhob die Stimme: "Heute wollen wir uns über ihr Selbstwertgefühl unterhalten. Ich habe den Eindruck, dass einige von Ihnen verlernt haben zu Vertrauen und zu Lachen. Dies kann durchaus im Zusammenhang mit der Selbstachtung gesehen werden." 
Über die Gruppe hatte sich ein greifbares Schweigen gelegt, niemand regte sich.
   "Also wer möchte den Anfang machen?", fragte er in die Gesprächsrunde. Franka bekam beiläufig mit, das irgendjemand das Wort ergriffen hatte. Sie selbst zog sich tief in den Kokon ihrer Gedanken zurück und ließ das stattfindende Gespräch als Hintergrundmusik an sich vorbei plätschern. 
'Was macht Jan jetzt wohl gerade?', dachte sie angestrengt. 'Ob er beim Fußball ist, oder sich von den Kochkünsten seines Vaters beeindrucken ließ?' Ja, Kochen konnte Jens, das stand außer Frage, und für ihren Sohn war er der Felsen, den der Junge brauchte, nachdem sie sich traumatisiert hierher zurückgezogen hatte. ‚Ich komme zu Dir zurück mein Kleiner‘ versprach sie in Gedanken. ‚Ich kann nichts für das, was geschehen ist, aber ich schwöre ich komme zu dir zurück. Sag‘s es heute Abend vor dem Schlafen gehen Deiner Glücksfee, und bitte sie um Hilfe für uns‘.
   „Es ist wie eine Art Kernfusion, die in ihren Köpfen stattfinden muss. Ihr Gefühl für sich selbst und ihre Umwelt müssen wieder miteinander verschmelzen.“
Die Gruppe klatsche Beifall und Franka kam langsam und schleichend in die Wirklichkeit zurück. Während die anderen den Raum verließen, kam der Therapeut auf sie zu und lächelte sie an: „ Franka, wann werden sie hier nicht nur körperlich sondern auch mit ihren Gedanken anwesend sein?“
   „Ich bin mit meinen Gedanken hier“, log sie schnell und automatisch. Er schüttelte vehement mit dem Kopf: „Man braucht kein Orakel um zu erkennen, dass dies nicht der Fall ist. Wenn ich Ihnen helfen soll, und das möchte ich wirklich gerne, schon aus dem Grunde einem einsamen Jungen seine Mutter wieder zu geben, sollten Sie bereit sein. Bereit sich uns, der Gruppe und mir, zu öffnen und endlich über Ihr Erlebnis zu sprechen. Das einzige was ich bisher darüber weiß ist, dass ein irischer Wolfshund darin verwickelt ist und das Sie nun schon über ein Jahr hier sind. Sie können doch nicht ewig so weitermachen wollen. Es ist gerade so als wolle man den Vollmond dazu bringen, nicht mehr am Horizont zu erscheinen. Wo um Himmels Willen haben sie sich versteckt. Wo ist die Franka, aus den alten Tagen?" Sie zog ihre Schultern nach oben und schaute ihn aus verzweifelten Augen an: „Die alte Franka? Ich weiß es nicht, ich suche sie, versuche sie zu zulassen, doch sie bleibt verborgen.“
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„Lassen Sie uns mehr Einzelsitzungen machen, bitte, es wird höchste Zeit, bevor Darth Vader sie völlig in seinen Bann gezogen hat." Ich machen wir wirklich Sorgen, denn ich hatte noch nie einen Patienten der sich so verzweifelt am Schweigen festgehalten hat. Überlegen sie sich bitte noch einmal, ob Sie nicht doch eine Hypnosetherapie beginnen möchten. Es ist in höchstem Maße wichtig, an ihrem Erlebten zu arbeiten. Wenn Sie es im Wachzustand nicht können, ist ihr Unterbewusstsein vielleicht dennoch dazu bereit.“
Franka schaute ihn unsicher lächelnd an: „Sie meinen, dass ich mit der Teilnahme an einer Hypnosetherapie mein Entsetzen und den Frust gegen Liebe, Freundschaft und die schönen Erinnerungen an Weihnachtsgeschenke eintauschen kann? Sie lassen mich meine Augen schließen, sagen ein paar einlullende Worte“, ihr Ton wurde schärfer, „zaubern ihr Kikaninchen unter einem Tuch hervor, und Franka tickt wieder richtig? Glauben Sie nicht, dass ich diese Möglichkeit schon in Erwägung gezogen habe, mich darüber informiert habe, und mich deshalb dagegen entschieden habe!“
   „Was haben Sie darüber gelesen, und vor allem wo haben Sie es gelesen?“
Franke überlegte einen Moment: „Ich habe in der hauseigenen Bibliothek geschaut, und nachdem der Bestand von Fachbüchern sich eher in Grenze hielt, hab ich den Computer eingeschaltet. Wie Sie wissen, ist diese Bücherei, die größte der Welt.“
Er schüttelte entsetzt mit dem Kopf und wie’s ihr mit der Hand an wieder Platz zu nehmen: „Darf ich mir das so vorstellen, dass Sie das Wort Hypnosetherapie in eine Suchmaschine gegeben haben und sich anhand dieser Ergebnisse belesen haben?“ Sie nickte zustimmend.
   „Auf Webseiten, die sich wie eine Heuschreckenplage im ganzen Netz verbreiten, und Menschen, die gesundheitliche Frage haben, in Panic versetzen können? Sie geben anhaltende Halsschmerzen mit geschwollenen Lymphdrüsen ein, schon wird Ihnen empfohlen einen Onkologen aufzusuchen, da Sie vermutlich an einem Non-Hodgkin-Syndrom leiden. Oder anhaltende Kopfschmerzen, die  ergebnislos ärztlich  gecheckt wurden sind, könnten nach Meinung der Net-Doktoren durch eine vorgeburtliche Quetschung des Schädels und Einengung der Lambdanaht herrühren. Welche Schauermärchen man zur Hypnose zu lesen bekommt, weiß ich nicht, kann es mir aber ungefähr vorstellen! Nein, ich werde sie nicht sexuell belästigen, ich mag Sex mit Frauen, die wachen Sinnes sind. Und nein, Sie werden nicht in der Zeit zurück bleiben, weil sie unfachmännisch hypnotisiert und nicht mehr zurückgeholt werden konnten. Im Gegenteil, zurück im Wachzustand werden Sie sich besser fühlen, frisch und befreit. Er ging zu einem Schrank mit verschließbarer Tür, öffnete diese und gab Franka ein Buch in die Hand: Wenn Sie sich hierin sachlich informiert haben, melden Sie sich wieder bei mir, einverstanden?“ Franke nickte mit dem Ausdruck eines ertappten und belehrten Kindes. Der Doktor drehte sich um und verließ grußlos den Raum.
Im Aufenthaltsraum lief der Fernseher in ohrenbetäubender Lautstärke. Im laufenden Werbespot, pries eine Familie mit strahlenden Gesichtern den Spaß an einer Wii an. Für Franka war dieser Raum ein Trauerspiel und Sinnbild für den Wunsch nach Verdrängung. Gespräche fanden fast nie statt, jeder saß für sich, isoliert, auf einem Sessel und blickte auf den flimmernden Bildschirm. Einziger Diskussionsbedarf war die Frage, wer die Fernbedienung bei sich haben durfte. Sie glaubte nicht, dass der eigentliche Verwendungszweck dieses Zimmers erfüllt wurde. Frustriert schloss sie die Tür und ging, mit dem Buch unter dem Arm in den Garten. Auf einer Bank, die am Rand einer Wiese stand und auf der Hahnenfuß und Löwenzahn, das Grün mit gelben Farbklecksen auflockerte, nahm sie Platz und begann im Buch zu blättern. Wissenschaftlich, jedoch einigermaßen verständlich, erklärte der Autor die verschiedenen Möglichkeiten der Hypnosetherapie. Franka war am Ende des ersten Kapitels angelangt, als eine der Schwestern zu ihr trat und ihr einen Briefumschlag entgegen hielt: „Da ist Post für Sie Franka“, erklärte sie, reichte ihr das Kuvert und eilte davon.
Sie schaute auf den Absender und riss, nachdem sie erkannte, dass er von ihrer Familie war, hastig auf.
„Liebe Mama“, schon kullerten ihr die ersten, heißen Tränen über die Wangen. Rasch hielt sie den Briefbogen ein wenig weiter von sich, damit keines der Worte der salzigen Flüssigkeit zum Opfer fiel.
„Ich hoffe es geht dir gut. Mir geht es toll, Papa hat gesagt, dass wir in den Ferien mit dem Auto ans Meer fahren. Ich hab dir ja gesagt, dass wir ein Waveboard gekauft haben, und dass wollen wir ausprobieren. Ach ja, stell dir vor, Andy hat sich das Schlüsselbein gebrochen, er ist auf der Pipe gestürzt. Jetzt darf er erst mal nicht mehr fahren, der Arme. Dafür fliegt er in den Sommerferien nach Singapur, cool oder? Er hat mir versprochen einen Drachen für meine Sammlung mitzubringen. So, jetzt fällt mir nichts mehr ein, in zwei Wochen komme ich mit Omi zu Besuch, da freu ich mich drauf. Ich hab dich lieb und schick dir einen dicken Kuss.
PS: Außerdem hat Andy einen blauen Brief gekriegt, stell dir vor, er hat Frau Wiedekraft ein Furzkissen auf ihren Stuhl gelegt, hatten wir einen Spaß.“
Ihr Taschentuch war feucht, sie wischte die letzten Tränen ab, steckte liebevoll die Zeilen ihres Sohnes zurück in den Umschlag. Dann öffnete sie den zweiten Bogen Papier:
„Hallo Franka,
ich hoffe Jans kleiner Brief hat dir Spaß gemacht. Ich hatte ihn gebeten noch ein wenig mehr zu schreiben, aber du kennst ja seine Faulheit. Er sagte, dass er dich in vierzehn Tagen sehen würde, und er wolle nicht schon alles erzählen, damit ihr an diesem Tag noch was übrig hat. In der letzten Woche haben wir in seinem Zimmer ausgemistet, er wolle nicht mehr so viel Baby Kram in seinem Zimmer. Jan hat wirklich viel weggeräumt, einiges sogar in den Müll geworfen, er wird eben doch erwachsener. Aber seine Piratenschatztruhe hat er sofort auf den Behalten-Haufen gestellt. Der ist von Mama hat er erklärt, und das Mikado auch! Als wir die Schublade unter dem Bett ausmisten wollten, brauchten wir erst einmal einen Handfeger, du ahnst nicht, wie viele Krümel da unten versteckt waren. Sogar Schokolade habe ich gefunden! Ich wusste gar nicht, das unser Sohn Süßigkeiten bunkert, du? Das ich zum Besuchstermin nicht kommen kann, tut mir sehr leid. Ich muss wirklich zu der Besprechung dieses außergewöhnlichen Falls. Stell dir vor, zur Klärung wurde sogar eine Massenspektrometrie gemacht! So einen Aufwand habe ich noch nie erlebt. Ich habe den Boss noch ein zweites Mal gefragt, ob ich nicht auch per Computer an der Sitzung teilnehmen könnte, doch er hat abgelehnt, meine Meinung sei in solchen Fällen wichtig für die Versicherung. Ist ja einerseits schön, dass sie mich für unabdingbar halten, anderseits macht es mich der Verzicht dich sehen zu können sehr traurig. Ich hoffe, deine Therapie macht endlich Fortschritte und wir können dich bald wieder bei uns haben. Du fehlst! Vom Meer bringen wir uns  selbstverständlich einen Palmwedel für deine Palmenwand mit. Ich küsse Dich und umarme dich aus der Ferne.
Dein Jens
PS: Bitte kämpfe für uns, verlasse die Nachtschatten und finde den Tunnelausgang.“
Sie nickte energisch, stecke das Papier ins Kuvert, stand auf und ging zurück zum Gebäude.

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Sie spürte die ersten Anzeichen einer Migräne, als sie auf dem Weg zum Büro von Dr. Krasge war. „Jetzt nicht abhalten lassen“, sprach sie leise zu sich selbst und klopfte zaghaft an. Die Tür blieb verschlossen, niemand bat sie einzutreten. Franka machte kehrt und ging in Richtung ihres Zimmers, als ihr auffiel, dass sie das geliehene Buch auf der Bank im Garten vergessen hatte. Raschen Schrittes ging sie zurück und wäre beinahe mit dem Zivi zusammengestoßen, der ihr mit einem Stapel voller Akten entgegen kam.
„Franka, hab ich mich erschreckt“, rief er und rang dabei noch ein wenig mit seinem Gleichgewicht. „Ich muss das noch schnell ins Archiv bringen, entschuldigen Sie! Ich war mit den Gedanken schon beim Schweinebraten, den gibt’s heute, endlich mal was anständiges“ Er grinste verlegen: „Tut mir echt leid, ich hab Sie nicht gesehen!“
Franka tätschelte ihm den Arm: „Mach dir nichts draus, es ist ja nichts passiert. Außerdem bin ich es gewohnt zu denen zu gehören, die man leicht übersieht. Aber das werde ich nun ändern!“ Der Zivildienstleistende sah sie verständnislos an.
   „Sag, hast du eine Ahnung wo ich Doktor Krasge finden könnte? In seinem Büro ist er nicht.“
   „Ja, das kann ich“, antwortet er rasch, „er ist bei einem Meeting im blauen Zimmer. Die müssten aber bald fertig sein, denke ich. Und genau aus diesem Grund beeile ich mich, denn ich möchte nicht wieder mit Buchstabensuppe und Backfisch vertröstet werden, wenn der Braten aus ist. Schönen Tag noch.“       Er winkte und ging rasch den Flur hinunter. Franka lief zurück in den Garten, steckte das Buch in ihre Tasche und nahm erneut Platz auf der Bank. Sanft ihre Schläfen massierend, gestattete sie ihren Gedanken abzuschweifen.
Altweibersommer, ein herrlicher Abend mit milder Luft und Feuerzangenbowle. Sie hatten mit Freunden gemütlich in der Laube beieinander gesessen, den Sonnenuntergang genossen und  sich später gegenseitig im Schein der Taschenlampe lustige Grimassen geschnitten. Auf dem Tisch Schnuppi, die Feldmaus des Nachbarn, der sich begierig über die Reste der Schmalzstulle hermachte, und sie alle  mit seinen dabei erzeugten Tönen noch lauter Lachen ließ. An diesem Abend schien es ihr, als ob die Welt ein friedlicher und schöner Ort sei, nichts was sie aus dem Gleichgewicht bringen konnte, oder die Lust am Leben trüben. Latte und Toooooor, so hatte sich das Leben für Franka angefühlt, nahezu grandios, bis zum nächsten Morgen.
   „Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Ein älterer, freundlich wirkender Mann im Tweed Anzug, schreckte sie aus ihrem Tagtraum.
    „Sicher, nehmen Sie Platz“, erwiderte sie nickend. Er kam ihrer Aufforderung nach, nestelte einen Augenblick in seiner braunen, mit dem Anzug farblich sehr gut abgestimmten Aktentasche, zog einen Lollipop heraus und hielt ihn ihr vors Gesicht: „Mögen Sie?“
   „Oh, nein danke, ich mag im Augenblick nichts Süßes, aber vielen Dank.“    
 Er nickte zustimmend, wickelte den Lutscher aus der Plastikhülle und steckte ihn sich mit einem leise vernehmbaren ‚Plopp‘ in den Mund: „Sind Sie Besucher oder Patient“, fragte er und blickte ihr mit unverhohlener Neugier in die Augen.
   „Ich bin Besucher“, antwortete Franka hastig und bemerkte, einen sanften Anflug von Röte aufsteigen.
   „Ich glaub Ihnen kein Wort“, antwortete er tadelnd und hob zur Bekräftig seinen rechten Zeigefinger senkrecht in die Luft: „Aber egal, ich bin auch kein Besucher, gestern erst angekommen. Mein Arzt zu Hause sagt, ich müsse mich wegen meines Wunsches, einmal dem Trott zu entfliehen um etwas Spannendes zu erleben, hier behandeln lassen. Es hat ihn eine Menge seiner Überredungskunst gekostet, mich zu dieser Therapie zu bewegen.“
   „Welchen Traum haben sie denn um dem Alltag zu entfliehen? Haben wir die nicht alle?“
Der Mann nickte: „Davon bin ich überzeugt. Als ich dem Schrotthändler meiner Seele erzählt habe“, bei diesem Ausdruck grinste er kess, es sei sicher aufregend einmal als Geisterfahrer auf die Autobahn aufzufahren, ist er ziemlich wütend geworden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich meinte das eher als Metapher, obwohl es einen gewissen Reiz ausüben könnte. Naja, der Doktor hat mir die ganze Geschichte ein wenig zu gut abgekauft. Dachte, ich trage Selbstmordgedanken mit mir herum, solche Sinnbilder seien Katalysatoren für meine Gefühle und so was eben.“
Franka nickte: Da sie nun hier sind, stimmen sie seinen Einschätzungen zu?“
   „Nein, ich habe es meiner Familie zu Liebe getan. Er hat meine Frau in der Paartherapie verrückt gemacht, solange, bis sie ihm glaubte. Sie hat mich angefleht, dass ich mir hier helfen lassen soll. Heiße Tränen sind ihr dabei über’s Gesicht gelaufen, da war es kein Meisterwerk mehr, mich zu überzeugen.“
Sie staunte über die Offenheit des Mannes, über seine Fähigkeit andere über sein Seelenleben aufzuklären, gerade so, als berichtete er über einen Besuch im Legoland Discovery Center Berlin, oder den ersten Flug zum Mond, beneidenswert.
   „Und Sie, was hat sie hierher gebracht?“ 
Seine Neugier war ungebrochen, Franka schaute rasch auf ihre Armbanduhr, stand auf und rief gespielt entsetzt: „Ach du Schreck, meine Sitzung beginnt in fünf Minuten, es tut mir leid, aber jetzt muss ich wirklich los“!                      
Während sie hastig zurück zum Haus ging, hörte sie ihn ihr hinterher rufen: „Ich hätte um einen Kakao mit Sahne auf der Klappkaribik gewettet, dass Sie keine Besucherin sind, und, ich hätte gewonnen!“
Ihr nächster Versuch am Büro des Therapeuten war erfolgreich, bereits nach einigen Sekunden bat er sie herein.
   „Franka“, begrüßte er sie mit einem warmherzigen Lächeln, „schön dass Sie gekommen sind. Sie nahm ihm gegenüber Platz, rang um ihre ersten Worte und erwiderte knapp: „Ich mache mit!“
   „Was meinen Sie?“
  „Die Hypnosetherapie, ich mach’s. Damit es in meinem Leben endlich vorwärts geht“, stammelte sie nervös und hielt ihm sein Buch entgegen.
   „Sie haben es schon gelesen?“ Er zog fragend die Augenbrauen nach oben.
   „Nein, habe ich nicht, aber ich habe Post von meiner Familie bekommen, und ich weiß nun, dass ich endlich damit beginnen muss, mich mit der Sache auseinander zu setzen!“
   „Der Sache? Desoxyribonukleinsäure? McDrive, Clownfisch? Was ist ihre Sache?“
Sie überlegte einen Augenblick: „Mein Erlebtes, das ist es. Das ist meine Sache!“
   „Aber soll es auch ihre Sache bleiben? Oder sind Sie bereit zu erklären, erzählen, es jemandem mitzuteilen?
Franka nickte erneut: „Ja, ich bin dazu bereit, doch ohne Hilfe kann ich es nicht, das habe ich bereits gelernt.
   „Nun, deshalb sind Sie hier. Ich freue mich, wir können endlich beginnen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen heute noch genau erklären, was sie bei dieser Art Therapie erwarten wird, damit Sie ohne Ängste zu Ihrem ersten Termin kommen können.
   „Wir fangen nicht sofort an?“, rief sie entsetzt aus. Was ist, wenn ich es mir bis zum nächsten Mal anders überlegt habe? Jetzt bin ich hier, habe Mut dazu, wer weiß, was in einer Stunde sein wird!“
Doktor Krasge warf einen Blick auf den Tischkalender vor ihm, schaute auf die Uhr an der Wand und nickte dann zustimmend: „Sie haben Recht, es wäre klug, gleich zu beginnen. Folgen Sie mir in den Entspannungsraum. Er stand auf und ging zur Tür. Sie trat mit weichen Knien hinter ihn.
Im Entspannungsraum wies er sie an, sich auf dem Kissenhaufen, der auf einer dicken, kuschelig wirkenden Decke ausgebreitet war, hinzulegen. Er nahm sich einen Stuhl und stellte ihn ihr gegenüber auf.
   „Versuchen Sie, sich zu entspannen. Das wird der schwierigste Teil sein. Ihr Gehirn wird mit Ihnen ringen, Mikado spielen und versuchen dem Unterbewusstsein keine Frontposition zu lassen. Schlechte Erinnerungen und Gefühle sollen verschollen bleiben, nicht an die Oberfläche dringen, versteckt wie Ritzenflitzer, die nur der Geliebte zu Gesicht bekommen darf. Doch genau das brauchen wir, Zugang zu Innersten. Wollen Sie das für mich versuchen?“
   „Mit all meiner Kraft“, versprach Franka und drückte sich ein wenig fester in die Kissen.

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   „Sie gehen in einer warmen Nacht spazieren. Über ihnen leuchtet der Sternenhimmel,  um Sie herum blüht ein Blumenmeer. Sie zählen die Sterne, konzentrieren Sie sich auf sie, und nun verspüren Sie den Wunsch sich entspannt hinzulegen. Sie suchen eine bequeme Position, blicken ruhig auf den Horizont und entspannen sich. Mit jedem Atemzug tauchen sie tiefer in die Gelöstheit, ihr Körper ist leicht und verliert jegliche Abwehr gegen das Abschalten. Sie sind bereit sich auf eine Reise in die Vergangenheit zu machen. Wie ein Endoskop dringt ihr Geist weit zurück ins Geschehene, lässt Sie wählen, zu welchem Zeitpunkt sie zurückkehren möchten.“
Franka bewegte sich langsam und gleichmäßig atmend auf ihrer Decke.
   „Ich möchte Sie nun bitten in eine Zeit ihrer Kindheit zurück zu gehen. Seien Sie wieder klein und erzählen Sie mir, was sie erleben.“
   „Opa sitzt in seinem Schaukelstuhl, die Hosenträger sind ihm über die Arme gerutscht, er schläft! Ich muss leise sein, er kommt von der Nachtschicht. Großvater ist Schlafwagenschaffner. Einmal, als ich Ferien hatte, durfte ich ihn begleiten. Als er seinen Kontrollgang beendet hatte, saßen wir beim Lokführer, tranken Tee und genossen die heiße Wärme. Das hat Spaß gemacht!“
   „Was machst du dort in diesem Zimmer?“
   „Ich wollte mit Opa nach Ria schauen gehen. Ihr Schildkrötenpanzer sieht so blass aus. Sonst hat er geglänzt. Ich habe Angst, dass sie krank ist. Jetzt weiß ich nicht, ob ich ihn schlafen lassen soll oder wecken darf? Vorsichtig und leise schleiche ich mich wieder hinaus.
Doktor Krasge hatte sich bisher nur wenige Notizen gemacht: „Franka, verlasse diesen Ort und gehe ein Stückchen weiter in der Zeit, stoppe in deiner Jugend. Was siehst du?“
Sie schweig eine Weile bevor sie mit aufgeregt klingender Stimme antwortete:“ Wir stehen vorm Fuchsbau, so nannten wir unseren Treffpunkt in einen Baumwagen an der Autobahnmeisterei. Lars hält einen feuerroten Schlüpfer in die Luft und schreit: “Schaut euch diesen Liebestöter an! Kein Wunder dass Gabi keinen Freund kriegt! Ich schäme mich für ihn. Er hat das Höschen von der Wäscheleine der Meiers geklaut, sie weiß nichts, dass sie hier verpönt wird. Das finde ich so  gemein, dass ich Lars die Unterwäsche aus der Hand reiße und ihn böse anfunkle: „Pass auf, sonst schauen wir mal durchs Schlüsselloch nach, in welcher Hose du dein Spätzle versteckst!“
   „Ah Franka, die Kluge, die die Weisheit mit Löffeln frisst, gibt wieder mal den Spaßverderber. Manchmal frag ich mich, warum Ingo dich überhaupt zu uns geholt hat. Ich spüre, wie mir Röte ins Gesicht steigt. Ingo ist mein großer Schwarm aus der Parallelklasse. Als er mich eingeladen hat mit zum Fuchsbau zu kommen, um die Clique zu treffen, schwebte ich im siebten Himmel.
Franka wurde unruhig, rollte sich zwischen den Kissen hin und her. Ihr Therapeut sah auf seine Uhr, bevor er erneut die Stimme erhob: „Machen Sie sich langsam auf den Rückweg ihrer Reise, für heute haben Sie genug gesehen. Richten Sie ihren Blick nach oben. Der Morgenhimmel begrüßt Sie in sanften Rottönen, genießen Sie den Anblick und gleiten sie zurück ins Hier und Jetzt. Wenn ich Ihnen gleich über ihre Stirn streiche, öffnen Sie ihre Augen!“
Er trat zu ihr, streifte kurz ihre Stirn und richtet sich auf. Franka schlug die Augen auf, wirkte einen Augenblick desorientiert, bevor sie sich aufsetzte.
   „Hat es funktioniert?“, fragte sie hoffnungsvoll.
   „Ausgezeichnet. Sie haben sehr gut mit sich arbeiten lassen, waren schnell in Tiefenentspannung.“
   „Konnten Sie herausbekommen, was passiert ist? Hab ich es erzählt?“
Er schüttelte bedauernd den Kopf: „Ich wollte zuerst einmal probieren, wie Sie auf diese Art der Therapie reagieren. Für dieses Mal habe ich sie in ihre Kindheit und Jugend herangeführt. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Beginn ihres Problems schon dort verankert liegt.“
   „Das hätte ich Ihnen auch im Wachzustand erzählen können“, entgegnete sie verärgert. „Ich will mit meinen jetzigen Schwierigkeiten fertig werden!“
Doktor Krasge stand auf, streckte ihr seine Hand entgegen: „Das möchte ich auch, doch Sie müssen auch mich verstehen. Ich kann sie nicht wie einen Starfighter in die eine, wichtigste Schlüsselszene schicken, ehe ich weiß, wie sie reagieren könnten. Geben Sie uns noch einige Sitzungen, Sie sind endlich bereit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das hat sehr lange gedauert, überstürzen Sie es nicht.“
Resignierend nickend fragte sie: „Wann soll ich wieder kommen?
   „Wenn es Ihnen recht ist, können wir uns morgen um drei hier treffen?“
  „Ich werde da sein“, sie wendete sich ab und verließ wortlos den Raum.
Auf dem Weg zu ihrem Zimmer lagen ihre wild durcheinander geratenen Gefühle, wie eine Bowlingkugel in ihrem Bauch. Sie beschloss jetzt nicht allein sein zu wollen. Sie ging zum Gemeinschaftsraum, in den wie immer der Fernseher lief. Anders als sonst, liefen die Nachrichten und alle Anwesenden starrten wie gebahnt auf den Bildschirm. Die Sprecherin verlas mit steinerner Miene die Nachricht über den Mordanschlag an einem Schauspieler, einem Mythos der Filmwelt. Franka schaute auf das Foto des Betroffenen, musste aber feststellen, dass sie, augenscheinlich anders als alle anderen Anwesenden, den Betroffenen Mann nicht kannte. Ein aufgeregtes Tuscheln erhob sich, als die Frau auf dem Bildschirm, zur Politik und dem Treffen von Herrn Westerwelle mit dem Präsidenten von Pakistan berichtete. Nur Franka und der neben ihr sitzende Wolfram, der an einer ausgeprägten Depression wegen seines Tourette-Syndrom litt, versuchten weiter zu zuhören.
   „Guido, der Frauenversteher bereist die Welt auf unsere Kosten“, erklärte er, drehte sich zu ihr und grinste breit.
   „Ich muss hier raus“, erklärte sie und stand auf. „Das ist mir viel zu laut hier, man kann nicht einmal seine eigenen Gedanken hören.“
   „Ja“, nickte er. „Geräuschkulisse wie im Fußballstadion, ohne Vuvuzela-Verbot herrscht. Glaub mir, in einer Wolfshöhle ist es deutlich ruhiger. Lass uns abhauen, ich mag auch nicht mehr.“
Gemeinsam gingen sie in den Garten, standen am Zaun zum Nachbargrundstück, auf dem eine Stute mit ihrem Fohlen stand.
   „Wie lange ist das Kleine schon da?“, fragte Franka und blickte mit fasziniertem Blick auf die beiden Tiere.
Wolfram, dem Tränen in den Augen glitzerten erwiderte: „Seit drei Tagen. Gestern habe ich sehr lange hier gestanden, ruhig, unbewegt, nur beobachtend. Es ist so schön anzusehen. Selbst die Aussicht auf ein Essen, zu dem ich gestern eingeladen war, mit Schweinshaxen, Sauerkraut und Klößen lockte mich nicht davon. Wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit“, er hustete kurz und laut auf, was Franka zeigte, das er gerade eines seiner schlimmen Worte herunter geschluckt hatte, „ein solches Wunder der Natur aus der Nähe betrachten zu dürfen. Oft sind es die Kleinigkeiten des Lebens, die einen spüren lassen, das man lebendig ist, fühlen und genießen kann.“
Franka drehte sich zu ihm um, legte ihm die Hand auf die Schulter, lächelte und sagte: „Und genau eine solche herrliche Kleinigkeit biete ich dir jetzt an. Kommst du mit nach oben? Ich habe noch eine Flasche Rotwein, die könnten wir zusammen trinken."

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In ihrem Zimmer setzten sie sich an den kleinen Tisch und schwiegen für eine Weile, der Zauber des Fohlens war noch spürbar. Franka wünschte,  ihr Sohn Jan hätte mit ihr am Zaun stehen können.  Die Sehnsucht nach einem normalen Leben mit Ehemann und Gummibärchen  kauenden Kindern im Garten war so stark, dass sie es kaum noch ertragen konnte und wollte.
   „Hast du Einzeltherapien?“, fragte sie Wolfram unvermittelt und goss ihre Gläser voll.
Er schüttelte den Kopf: „Nicht mehr! Meine Möglichkeiten hier sind ausgeschöpft, ich bleibe nicht mehr lange.“
   „Wie meinst du das? Ausgeschöpft? Ich meine, du hast doch immer noch deine Aussetzer, oder?
   „Sicher, die werden mich auch mein ganzes Leben begleiten. Das ist wie Yin und Yang in meinem Gehirn, die meiste Zeit geht es gut, und dann, wie ein Kugelblitz, ist die böse Sprache da und prescht nach vorne. Hier habe ich gelernt, sie im Zaum zu halten und in vielen Fällen gänzlich zu unterdrücken. Sie jedoch ganz auszuschließen ist ein Traum, den mir niemand erfüllen kann.“
Franke nickte traurig: „Du kannst nach Hause gehen, das ist gut! Ich werde noch lange hier bleiben müssen.“
   „Wenn du möchtest, erzähl mir, wie es bei dir voran geht und warum du eigentlich hier bist. Ich weiß nicht viel über dich,  du warst immer sehr verschlossen. Ich habe dich außer zu den Gruppentherapien fast nie zu Gesicht bekommen.“
Franka führte nachdenklich ihr Glas zum Mund. Wie Recht Wolfram hatte. Durch ihre Verschlossenheit und die Verweigerung mitzuarbeiten hatte sie fast ein ganzes Jahr verloren. Welcher Teufel hatte sie zu diesem Verhalten bewogen?  Immer tiefer war sie in ihr Schneckenhaus gekrochen, statt nach vorne zu sehen, immer wieder zurück zum tragischen Ereignis gekehrt und die Spannung damit erhöht. Es schien das Induktionsgesetz ihrer Seele gewesen zu sein. Nur nicht damit befassen, schweigen, unterdrücken, davonlaufen. Damit musste Schluss sein. Und mit Wolfram, würde sie heute und jetzt  beginnen. Er saß ihr schweigend gegenüber und wartete.
   „Vor einiger Zeit hat sich in meinem Leben etwas zugetragen, etwas Schreckliches. Was, darauf möchte ich nicht genauer eingehen, noch nicht. Jedenfalls veränderte es mein Leben von einer Minute zur nächsten.“
Wolfram schaute sie unverwandt an, wartete auf weitere Ausführungen.
   „Du kannst es dir ungefähr vorstellen? Eben noch einen Alltag wie Schokoladenbadeessenz, Sex mit dem Traummann und einem Wunschzettel für den nächsten Geburtstag. Und dann, Chaos, kein Stein mehr auf dem anderen. Nichts was sich einordnen ließ, keine Kraft für den Morgen um einfach nur aufzustehen.  Irgendwann blieb ich einfach liegen, die Gedanken zäh, verpackt in Zuckerwatte und in keinster Weise geordnet. Dann bin ich hierhergekommen und habe dieses Spiel eine sehr lange Zeit fortgeführt.“
Er nickte zustimmend: „ Genauso habe ich dich erlebt, irgendwie abwesend, leidend,  und Dich selbst bemitleidend. Entschuldige, aber so hab ich Dich gesehen! Ein Angsthase, der hier ist, um die helfende Hand zu finden, damit sie selbst nichts tun muss. Auf ein Wunder wartend eben.“
   „Genauso war es“, erklärte Franka, verwundert darüber, wie gut er sie eingeschätzt hatte.
   „Was hat sich verändert?“
   „Ich kann es nicht wirklich benennen. Vielleicht hat es mit dem letzten Brief von Jan zu tun, oder mit den hartnäckigen Versuchen von Dr. Krasge mich zu einer Einzeltherapie zu bringen. Ich glaube, für ihn stelle ich eine echte Herausforderung dar.“
   „Du meinst eine Psychose im Sonderangebot,  die niemand kaufen will? Und er fragt sich warum“, er goss lächelnd Wein in sein Glas nach.
   „So etwas in dieser Art“, kicherte Franka, der der Vergleich mit dem Schnäppchen gefiel. „Jedenfalls habe ich nun damit begonnen, Hypnosetherapie. Hast du das auch gemacht?“
   „Anfangs zwei Mal, aber mein kleiner Satan drängte sich total in den Vordergrund bei diesen Sitzungen. War wie die Kristallnacht für ihn, seine Chance die Gute Seite komplett in den Hintergrund zu drängen. Wir sind sehr schnell davon abgekommen.“
   „Nun, bei mir scheint es funktioniert zu haben. Der Doktor hat mir Mut gemacht, mir versprochen, dass ich mit dieser Therapieart recht rasch vorankommen werde. Bis zum Kern des Problems sind wir nicht gegangen, er wollte er ausprobieren, ob ich überhaupt mitmachen werde.“
   „Ja, so läuft das! Erst werden bewusst andere Teile deines Lebens abgeklopft, in denen alles in Ordnung war. Wie ein Zahnarzt der nach und nach jede Füllung checkt, um zu dem Amalgam zu gelangen, das bröckelt. Wenn der Therapierende gar nicht weiß, ich welchem Teil des Lebens zu suchen ist, leuchtet er alles aus. Bei dir ist das aber klar, oder?“
Sie nickte: „Hundertprozentig. Ich hab dir ja gesagt, vor Tag X war alles in Ordnung. Erdbeerduft im ganzen Haus. Ich bin wie ein Siebenschläfer durch mein Leben getaumelt und habe nicht einmal bemerkt, wie gut es mir ging.“
    „Das du dies nun weißt, ist doch ein guter Anfang“, er drehte sich zur Seite und hustete heftig. Franka ahnte, das nicht ein Hustenreiz, sondern die Läuse in seinem Kopf der Auslöser waren, lies sich jedoch nichts anmerken: „Alles in Ordnung?“
   „Danke, geht schon wieder. Ich muss mich verschluckt haben“, antwortete er mit hochrotem Gesicht. „Also, was hast du jetzt vor?“
   „Zur nächsten Sitzung zu gehen. Drück mir die Daumen, dass es schnell geht. Ich will, muss zu meiner Familie zurück!“ Tränen bannten sich ihren Weg nach oben, Franka begann haltlos zu schluchzen. Wolfram stand wortlos auf, stellte sich neben ihren Stuhl und nahm ihren Kopf zwischen seine Arme.

Auf den Kissen ausgestreckt, war Franka zum zweiten Mal tief in ihr Unterbewusstsein vorgedrungen.
Dr. Krasge fragte: „Erzählen Sie, warum sind sie in diesem Krankenhaus?“
   „Ich besuche Vater. Er hatte einen Bandscheibenvorfall und ist frisch operiert. Ich mache mir große Sorgen, habe Angst dass er nicht mehr auf die Füße kommen wird. Ein Mann mit so viel Lebensfreude, Esprit, darf nicht eingeschränkt werden, das würde er nicht aushalten.  Er freut sich sehr, dass ich da bin.“
   „Ist das nicht selbstverständlich?“
Franka schüttelte heftig mit dem Kopf: „Nein, meine Eltern sind getrennt, normalerweise darf ich nicht immer zu Papa. Heute hat Mutti eine Ausnahme gemacht. Ich durfte sogar früher aus der Schule gehen und das beim Thema Pharao in Geschichte, das war cool! Aber jetzt macht es mir Angst ihn so unbeweglich sehen zu müssen.“
Doktor Krasge machte sich einige Notizen, während er Franka bat ein paar Jahre weiter nach vorne zu gehen. „Beschreiben sie mir einen Tag in ihrem Leben, nachdem ihr Sohn Jan geboren war. Was sehen Sie?“
   „Mein stolzes Kindergartenkind. Er hat sich eine Laterne gebastelt und nachher gehen wir zum Laternenfest an der Orangerie auf das er sich schon sehr lange gefreut hat. Jan ist glücklich, er strahlt, ist Zufrieden und fröhlich. Er steckt mich mit seinem Lachen an. Eigentlich war ich wütend, weil mein Mann anrief um mir zu sagen, dass er es nicht rechtzeitig aus dem Büro schaffen würde, um uns zu begleiten. Er verpasst so viele Ereignisse im Leben seines Sohnes. Ich glaube, er weiß gar nicht, dass er das nie nachholen kann. Ich beeile mich im Bad, werfe hastig den Fön zurück in den Schrank, damit wir losgehen können.“
   „Ihr Mann? Haben Sie öfter Streit?“
   „Nein“, antwortet Franka ohne zu zögern, eigentlich fast nie. Wenn, dann dreht es sich ausschließlich um Jan oder wer auf den Friedhof fahren muss um das Grab seiner Mutter zu pflegen. Banalitäten eben.“
Krasge schrieb erneut auf seinem Klemmbrett: „Gehen Sie zum Zeitpunkt der Krönung ihres Lebens! Wo sind Sie gelandet?“

Kommentare:

  1. liebe Alminka! wollte in deinen Block nur kurz reinlesen! aber hab's einfach nicht geschafft, abzubrechen! trotz mancher absolut nicht in die Geschichte passender Wörter schaffst du es dennoch, in sehr eleganter Weise, diese in deine Geschichte einfließen zu lassen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. du hast es sogar geschafft, dass ich feuchte Augen bekomme.... zu anfangs, weil es so traurig war und dann las ich so ein spezielles Wort und musste plötzlich herzlich lachen! gratuliere!!! du solltest Schriftstellerin werden. an Talent fehlt es sicher nicht!! ich werde drann bleiben! liebe Grüße an dich!!!  deine gaby polz

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  2. Liebe Gaby,

    das ist zwar meine Geschichte und nicht Almas, aber trotzdem recht herzlichen Dank für die Blumen.

    Liebe Grüße
    Sandra

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  3. Hallo Sandra, ich war gerade beim Lesen auch total gefesselt und finde du hast einen sehr schönen gefühlvollen Schreibstil.

    Ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht und finde du solltest dein Talent unbedingt nutzen und in diese Richtung weitermachen!

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  4. Hallo Carmen,
    das lese ich sehr gerne :-)
    Ich hoffe Du bleibst mit dem Lesen dabei, ich würde mich freuen.

    Lieber Gruss
    Sandra

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  5. wow, hatte einiges nach zu holen, aber ds Lesen hat sich gelohnt!! warte auf die Fortsetzung!!!

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